| Alfonso Hüpppi - Holzwege
Zum 75. Geburtstag
Hüppi trägt, wie auch seine beiden Brüder, trotz des auf den kleinen Ort Hüppi in der Nähe von Bern zurückgehenden Familiennamens einen italienischen Vornamen, da der Vater bei der Schweizer Garde im Vatikan diente. Hüppi wurde in Luzern Silberschmied, was an den Akademien in Pforzheim und Hamburg dann einerseits zur Bildhauerei und andererseits zur Kalligraphie führte. Seine Malerei ist daher immer zugleich durch die Tendenz zum kalligraphischen Zeichen einerseits wie durch einen Hang zur Dreidimensionalität in sicheren Volumina andererseits bedingt. Das ist schon in den frühen Naturstudien von 1959 erkennbar und ebenso noch in den grossen Maltafeln, welche zumindest schräg vor der Wand stehen, sich oft aber in diversen Teilen verselbständigen und dreidimensional in den Raum greifen. Die konzentrierteste Form der Maltafel, der schmale und lange Sehschlitz zwischen Eisenrahmen kann zwar an der Wand hängen, sollte zumeist jedoch ebenfalls schräg im Raum stehen und zudem weiteren gleichen Gefährten der Verdichtung zugeordnet oder überlagert sein.
Dazwischen lagen lange Wege, „Holzwege", die in den letzten Jahren wieder an Bedeutung im Werk gewannen und denen diese Ausstellung gewidmet ist, zu der Hans-Joachim Müller einen wunderbaren Text geschrieben hat.
Als Mitarbeiter der Kunsthalle Baden-Baden in den 60er Jahren war ein allgegenwärtiges Material, mit dem Hüppi umgehen musste und das für ihn kostenlos erreichbar war, das Holz der Packkisten und der Paletten. Aus diesem meist rohen Holz gestaltete er seine „Holzreliefs". Mal akzentuierte er deren Holzfarbe nur zart, mal bemalte er sie in kräftigen plakativen Farben, aber auch diese immer von hoher Sensiblität, was bei Hüppi kein Widerspruch ist. So entstanden „Entwürfelungen", Ergebnisse auseinandergenommener oder auseinanderbrechender Holzkisten in der Fläche, oder „Holzteppiche", „Bogenfelder" aus zersägten rohen Fichtenbrettern oder Kisten aus eben diesem Holz. Aber auch andere vorgefundene Hölzer eigneten sich für die Umsetzungen Hüppis: So z. B. in seiner „Hommage à Tadeusz Kantor" von 1966 eine gefundene alte Holztüre. Holz in seiner natürlichen Oberfläche war und blieb nicht nur Malgrund sondern integrierender Bestandteil seiner Arbeiten bis hin zu den grossen Maltafeln Ende der 80er Jahre, deren Holzgrund er ungrundiert bemalte und zudem oft diesen frei stehen lassend in das Bild einbezog.
Der zweite Grundstoff für Hüppis Arbeit ist das Papier. Er zeichnet ständig, wie die zahllosen Telefonzeichnungen belegen, denen gemeinsam mit solchen von Franz Eggenschwiler und Dieter Roth 1980 einmal eine eigene Wanderausstellung mit mehrbändigem Katalog gewidmet wurde. Flacher Bildträger bleibt das Papier jedoch lediglich in der Zeichnung und in den sensiblen und so eminent materialgerechten Serigraphien um 1970. Aber Hüppi wäre nicht Hüppi, wenn es dabei bliebe: Wie beim Holz wird der Malgrund geschnitten, aufgewölbt, geknautscht, gerissen, mal vorher, mal danach bemalt, mal vorher und hinterher. Oder es werden vorgefundene, geschnittene oder gefaltete Papiere überarbeitet, wie in den Collagen der frühen 80er Jahre, die wandfüllende Formate annehmen konnten, oder in den bemalten „Passepartouts", dem papierenen Äquivalent zu den „Rahmenbildern", den Tafeln, die sich im breiten Rahmen fortsetzen. Tendenziell kann jeder vorgefundene Gegenstand Träger oder Rohstoff für ein Werk werden, jedoch wird er bei Hüppi, wie z. B. aus den gefundenen bemalten Holzstücken ersichtlich, be-, ver- und überarbeitet, verfremdet, gestaltet, nicht lediglich in Gegenüberstellung mit anderen Fundstücken zur Assemblage zusammengestellt.
Überblickt man einmal sein bisheriges Gesamtwerk, so ist darin eine absonderliche Entwicklungsgeschichte festzustellen: Nicht etwa in der Jugend wild und dann sukzessive Beruhigung und Abklärung, nein genau umgekehrt geht er von zurückhaltenden Formen und Farben und fast geometrischen Strukturen, die schon zu dem Irrtum führten, er sei Konstruktivist, aus zu immer ausladenderen Formen und stand um 2000 eigentlich in seiner explosivsten Phase. Das ist in den damaligen Rahmenbildnern und den grossen Maltafeln, die nur noch durch Eisenrahmen zusammengehalten werden können, feststellbar. So fragte er, für den Sprache mehr ist als reines Verständigungsinstrumentarium, mich 1999 einmal, bevor er zu uns zu einer Ausstellungseröffnung kam, ob er noch „Sprengstoff mitbringen" solle. In meiner Rede sagte ich daraufhin: „Ein derart hohes Mass an subversiver Energie nach der Pensionierung habe ich selten erlebt und ich frage mich, wohin das noch führen wird. Wir dürfen gespannt sein." Schliesslich hatte Hüppi damals gerade ein Vierteljahrhundert als ordentlicher Professor für Malerei an der Kunstakademie in Düsseldorf absolviert. Er war und ist ein begnadeter Lehrer. Subversion sagte man ihm allerdings auch dort bisweilen nach. Er errichtete seinen Schülern Museum und Akademie im Namibianischen Busch, nicht an weltbekanntem Ort - in Etaneno.
Seitdem entstanden Aquarelle, welche leichtfüssig in den Rouleaus „explodierten", die wir 2005 in einer Ausstellung zeigten. Der dem Material und der handwerklichen Fertigung seiner Werke derart verpflichtete Künstler liess also plötzlich in Übergrösse von fremder Hand - wenn auch in seiner intensiven Überwachung - drucken. Es stellte sich die Frage nach den Gründen wie auch jetzt wieder bezüglich seiner Rückkehr zu den Wurzeln, zum Holz, sei es als Relief oder als raumgreifende Plastik.
Die sensible Oberfläche des nur geglätteten, bisweilen nicht einmal gehobelten hellen Holzes, oft noch geweisselt, steht in heftigem Gegensatz zur grossen und kräftigen Gestalt einfachster Form, welche Hüppi ihr gibt: Die Bretterwand der Kiste scheint immer wieder auf. Ebenso verhält sich die farbige Fassung der Reliefs und Plastiken: Von grossflächigen Pastelltönen bis zu expressiven Farbfeldern. Vor allem aber generieren diese jüngsten bemalten Hölzer Raumsituationen von hoher Spannung zugleich zarter Poesie. Sie benötigen viel und den richtigen Raum und können auch nicht ohne einen solchen von ihnen beherrschten Umraum abgebildet werden, wie der zur Ausstellung erschienene Katalog zeigt.
Tatsächlich ist Hüppi die perfekte Integration von Apollo und Dionysos, Kosmos und Chaos, Askese und Ausgelassenheit, denn beides scheint in seiner Kunst ständig auf - jedoch ausbalanciert in höchster Vollkommenheit, ja Schönheit, an welcher stets der Schalk aber schon wieder knabbert...
Hüppis Werk setzt Zeichen, starke Zeichen, die weder gegenstandslos noch abstrakt sind, wenn dies auch bisweilen so scheint, wie z. B. in seinen frühen Variationen auf das Zeichen „Baum". Hüppi gehört durchaus in die Generation derjenigen, welche die Abstraktion der Jahre 1948 bis 1965 überwanden. Er schuf mit seinen Zeichen ihr Gegenbild. Er gestaltet sehr bewusst und präzise, da ist weder Zufall noch Automatismus trotz bisweilen spielerisch erscheinender Leichtigkeit. Da ist vielmehr Bewusstheit und Gewolltheit in klarer Form und Farbe jenseits des Spielerischen und der feinen Ironie, mit der er uns immer wieder einfängt. Diese apollinische Kühle und Klarheit liegt aber nur als Folie über dionysischem Feuer und Chaos, die immer wieder an die Oberfläche drängen. Hüppis Kunst ist die Kunst vom Menschen.
Die Kunst eines Menschen, der sich ständig in Frage stellt, sich und die anderen, durchaus mit Humor aber auch feiner Ironie. In den himmlisch-irdischen Figürchen seiner Aquarelle z. B. brechen die kreativ schweifenden Gedanken chaotisch aus, werden aber immer wieder umschlingend von Hüppi mit der Tuschfeder eingefangen. Die festen Zeichen der grossen Entwürfelungen, Holzteppiche, Rahmenbilder, Tafeln und Sehschlitze, die wir 1993, 1999 und 2002 in Wichtrach umfänglich gezeigt haben, sind das Hauptwerk des Künstlers, aus dem er in den hier vorgestellten jüngsten Holzarbeiten eine Summe zieht, die vielleicht die beruhigte Heiterkeit es Alters zeigt, jedoch an jugendlicher Frische kaum zu überbieten ist. Sicher wird er auch hierzu eines seiner wunderbaren Gedichte schreiben.
Ingeborg Henze-Ketterer und Wolfgang Henze
Text zur 91. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern, 21. August bis 18. Dezember 2010. Katalogbuch mit Text von Hans-Joachim Müller CHF 40.-
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M E D I E N - M I T T E I L U N G Ausstellung 91 Wichtrach/Bern, den 17. August 2010 ______________________________________________________________________
Alfonso Hüppi - Holzwege
Zum 75. Geburtstag
In einer Doppelausstellung zeigen die Galerien Beck & Eggeling in Düsseldorf (3. 9. – 30. 10.) und Henze & Ketterer in Wichtrach/Bern (21. 8. – 18. 12.), begleitet von einem Katalog-Buch mit Text von Hans-Joachim Müller, aus Anlass seines 75. Geburtstages das Hauptwerk von Alfonso Hüppi, seine Werke in Holz.
Es ist seit 1993 die fünfte von Alfonso Hüppi in Wichtrach gezeigte Ausstellung und die erste ausschliesslich „Holzwerken" gewidmete. Hüppi hat sie in der für ihn typischen hintergründigen (Selbst)-Ironie „Holzwege" betitelt. Hölzern, meist rohe Bretter oder in Kisten und Paletten vorgefundene, gibt er Form, zeichnet mit der Stichsäge in sie hinein und bemalt die entstehenden Felder. In erstaunlicher Metamorphose wird Rohes delikat, Sprödes geschmeidig, Materialfarbe nuancierend bis heftig variiert, ohne dass der Charakter des Holzes negiert wird – ein Spiel mit diesem und mit unserer Wahrnehmung, ein ernsthaftes Spiel.
Der Surseer Sohn eines Schweizergardisten wurde in Luzern zum Silberschmied ausgebildet, studierte ab 1961 an der Werk- und Kunstschule in Pforzheim und an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, wo er bald Dozent wurde. Nach einer mehr der eigenen Kunst, der jungen Familie und einer gestalterischen Mitarbeit an der Kunsthalle in Baden-Baden gewidmeten Zeit von 1968 bis 1974 wurde er für ein Vierteljahrhundert unkonventioneller Professor einer unkonventionellen Klasse für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. 1998 gründete er ein „Museum im Busch" im namibianischen Etaneno, in dem er seitdem die Kunst seiner Schülerinnen und Schüler und ihm nahestehender Künstlerinnen und Künstler entstehen lässt und einem dankbaren namibianischen Publikum zeigt.
Augen zu öffnen, Talente zu wecken, Begabungen zu fördern ist neben der eigenen Kunst für ihn integrierender Bestandteil seines Lebens. Zahlreiche seiner Studenten erreichten als Künstlerinnen und Künstler sowie als Hochschullehrer Bedeutung: Holger Bunk, Dirk Skreber, Pia Stadtbäumer, Corinne Wasmuth, Thomas Rentmeister, um nur einige Namen zu nennen und – wohl unausweichlich – auch seine beiden Söhne Thaddäus und Johannes, hervorragende Bildhauer und Maler.
Hüppi ist sensibler Druckgraphiker. Ein Werkverzeichnis „Druckwerke" erschien kürzlich. Er ist vor allem und ständig (wie Kirchner) Zeichner. Sein zeichnerisches Werk wurde in zahllosen Katalogen und Büchern publiziert und erreicht eine oft erstaunende technische wie thematische Variationsbreite, aus der immer wieder Anregungen in die anderen Techniken fliessen, auch in die „Holzwerke". Diese sind für Hüppi der Bereich seiner Tätigkeit, welcher in anderen künstlerischen Werken durch das Gemälde, die Plastik und die Kunst am Bau eingenommen werden, und sie leisten diese Aufgaben für Hüppi auch vollgültig, auch wenn der Künstler in „Werknebensätzen" immer mal wieder Alles in Frage stellt. Daher müsste eigentlich hinter dem Titel der Ausstellung ein Fragezeichen stehen: „Holzwege?".
Ausführlicherer Text: s. in beiliegendem „Minikatalog"
Es erscheint ein Katalogbuch mit einem Text von Hans-Joachim Müller im Verlag der Galerie Henze & Ketterer und im Beck & Eggeling Kunstverlag. CHF 40.- |